Zwei Mal im Jahr währt sich die Zeit, in der ich meine Magenschleimhaut von Koffein zerfressen lasse und in meinen Selbstzweifeln ertrinke. Hunderte von Seiten auswendig lerne über das menschliche Dasein, dass mir trotz dieses Studiums so fremd vorkommt. In der ich immer wieder feststelle, dass ich niemals niemals niemals gut genug sein werde. Niemals gut genug, um mir selbst zu gefallen.

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in case of perception we are alone in our minds

Es gibt sie noch, diese Tage, an denen alles auseinander fällt, an denen mein Herz so schwer ist, dass es mir den Verstand raubt. Ich denke zu viel, zu wenig, zu falsch.

Ich suche nach mir in der Wahrnehmung anderer, doch alles, was auf ihrer Netzhaut zu sehen ist, ist nichts als eine leere Reflexion meines äußeren. Rational gesehen, weiß ich, dass meine Hülle im wesentlichen dem entspricht, was die Menschheit als „schön“ definiert, ja vielleicht sogar schön mit einem vorangestellten Adverb.

Ich suche mich in Schaufenstern und Spiegelbildern, sehe spitze Schultern, weiche Knie und ein eingeübtes Lächeln. Diesen ansehnlichen Kokon, der meine Gedanken umgibt. Von außen schön, von innen so abstoßend und abscheulich.

hunger games

Nach 22 Minuten bei einer Geschwindigkeit von 9km/h und (angeblich!) zweihunderteinundvierzig verbrannten Kilokalorien wird alles schwarz um mich herum und ich finde meine Extremitäten verheddert in einem Laufband wieder. Ein fremder Mensch klatscht mir immer wieder auf die hohlen Wangen, während ich in meinem Kopf einen zusammenhängenden Satz suche, um ihn davon abzuhalten, mir einen Krankenwagen zu rufen. Es hat mir jahrelang Zufriedenheit verschafft, unter weißen Laken und mit einer Infusion im Arm aufzuwachen, aber mittlerweile macht mir nicht einmal mehr das für einen kurzen Moment positive Gefühle. Magensüchtig zu sein mit fünfzehn ist okay – pubertieren ist hart und Essprobleme in dieser Phase des Lebens sind verständlich. Was aber, wenn man nicht aufhören kann, dünn sein zu wollen? Wenn man mit dreiundzwanzig immer noch einen Kinderkörper hat, einen Kinderkörper haben will? Man sich weigert, vernünftig kochen zu lernen, weil Mahlzeiten aus mehr als drei verschiedenen Lebensmitteln für einen nicht denkbar sind? Immer noch magensüchtig sein mit dreiundzwanzig ist lächerlich. Ich habe einen Großteil dieses Studiums hinter mir und fühle mich immer noch, wie eine Hochstaplerin. Kommilitonen denken über Bachelorarbeitsthemen nach, während ich stationäre Magersuchskliniken in der Umgebung google, um mich dann daran zu erinnern, dass ich ohnehin keine davon jemals besuchen werde. Stattdessen ergötze ich mich an tausenden Selfies auf meinem Handy, in denen ich meinen Zerfall dokumentiere. Zähle Rippenbögen. Streiche verstohlen über Körperhaare, die an Stellen wuchern, wo keine hingehören. Rufe mir geflüsterte Worte von männlichen Wesen in Erinnerung. „Du bist die zarteste Person, die ich jemals kennen gelernt habe“, „ich habe noch nie so ein filigranes Handgelenk gesehen wie deines“ oder mein absoluter Favorit „ich möchte nicht mit dir schlafen, weil ich Angst habe, dich zu zerbrechen“. Und ich ertappe mich dabei, in mich hinein zu grinsen, weil für ein strahlendes Lächeln die Energie fehlt.

Immer öfter liege ich in meinem Bett und höre meinem Herzen beim Rasen zu. Ich merke, wie Panik in mir hochsteigt, von der ich nie weiß, ob es wirklich ein Gefühl ist, oder die physiologische Reaktion meines Körpers auf meinen Zustand. Immer öfter muss ich daran denken, was ich alles verpasse, weil ich mich nicht überwinden kann, zu essen wie ein normaler Mensch. Was ich alles verpasst haben würde, würde mein Herz irgendwann plötzlich aufhören, zu schlagen. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Zustand noch ertragen kann, und mir einreden kann, ich sei auf einem guten Weg.

Ich bin’s nämlich nicht. Ich trete seit über drei Jahren auf der Stelle und warte darauf, dass irgendwas passiert, was mich noch mehr zurückwirft oder unerwarteterweise voranbringt.

2o17

Versuchen, die Vergangenheit hinter mir zu lassen, nur um festzustellen, dass sie mir immer wieder auflauern wird, genau dann, wenn ich nicht mehr damit rechne. Nach vier Semestern Zweifel mich für mein Studienfach entscheiden und mich gleichzeitig immer weniger sehen können im künftigen Beruf. Zu oft in Krankenhausbetten gelegen wegen verschiedenster Dinge und mir jedes Mal geschworen, dass es das letzte Mal sein wird. Viel gereist und nicht ansatzweise so viel gesehen, wie ich es mir vorgenommen habe. Damit konfrontiert werden, dass manche Menschen Gift für mich sind und aushalten, was für ein Loch sie in meinem Leben hinterlassen. Eines, was es im neuen Jahr zu füllen gilt.

Bei der letzten Therapiestunde des Jahres vor meiner Therapeutin sitzen: „Sie hatten ein fürchterliches Jahr und ich wünsch Ihnen so sehr, dass das neue besser wird.“ Es fühlt sich für mich nicht an, wie ein fürchterliches Jahr, obwohl mir gerade nur negative Ereignisse einfallen. Es war ein aufregendes Jahr, voll mit vielen kleinen schönen Momenten. Mit Alltäglichkeiten und Banalitäten, mit Endorphinüberschüssen und Melancholie. 2017 hat Lust auf mehr gemacht.

swipe right

Nach einem wundervollen und scheinbar nie enden wollenden Sommer, in dem ich feststellte, dass ich ein bisschen Zweisamkeit durchaus ohne die Absicht der Selbstschädigung aushalte und die Vorzüge davon kennen lernte, mit psychisch stabilen Typen auszugehen, überlegte er sich, dass er doch lieber die nächsten Monate in Südafrika verbringen möchte und eine Beziehung mit jemandem, dessen Nervenzusammenbrüche irgendwann nicht mehr nur niedlich sind, vielleicht anstrengend werden könnte. Weg war er und ich wusste wieder, warum ich keine Gefühle haben will. Mein Problem ist, dass ich wahnsinnig interessant und überzeugend bin, wenn man mich kennen lernt, aber ab einem gewissen Zeitpunkt fällt die Begeisterungskurve was meine Person angeht rasant ab, weshalb es nie jemand länger als ein paar Monate mit mir aushält.

Ich reinstallierte Tinder auf meinem Handy und klickte mich durch eine Menge seltsamer Fotos und seltsamer Profilbeschreibungen. Meine eigenen Fotos sind auch seltsam – obwohl Selfies mittlerweile seit zehn Jahren existieren, habe ich immer noch nicht herausgefunden, wie man welche macht, auf denen man hübsch aussieht. Eine Profilbeschreibung hab ich auch nicht, weil ich die perfekte noch nie gefunden habe, aber ich kann mich nicht über mangelnde Matches beschweren, also schätze ich, das ist in Ordnung.
Dann fand ich einen, der schrieb, er sei Psychiater, aber selbst auch ein bisschen verrückt. Ich meinte, ich würde Psychologie studieren, von daher würde mich das nicht schocken und abgesehen davon würde ich mich definitiv nicht als normal bezeichnen. Nach dem ersten Treffen muss ich sagen, dass ich ihn an sich nicht so interessant finde, aber dank seines Berufes habe ich meinen Liebeskummer ganz schnell vergessen und ein neues Game gefunden, mit dem ich mich in den nächsten Wochen beschäftigen kann. Wie lange kann ich Mr. Psychiater treffen, bis er merkt, dass mit mir was gehörig nicht stimmt? Und noch interessanter: Wird er merken, was genau mit mir nicht stimmt?

Sich immer wieder damit abfinden müssen, dass auf Quantensprünge gezwungenermaßen Babyschritte folgen. Ich habe festgestellt, dass es sich mit einer flexiblen Definition von ‚okay‘ durchaus über den Tag kommen lässt, nichtsdestotrotz ist kaum Platz für Spontanität, für echte Zwischenmenschlichkeit. Ich ertappe mich dabei, mich zu wundern, ob ich gar nicht gesünder geworden bin, sondern meine Störung lediglich gesellschaftsfähiger. Ist es schlimmer, wenn krankes Verhalten nicht mehr auffällt, sondern omnipräsent, ja geradezu allgegenwärtig ist?

Ich hatte immer so Angst davor, geheilt zu werden, und meine Kompensationsmechanismen zu verlieren, aber inzwischen jagt es mir viel mehr Angst ein, dass der momentane Ist-Zustand vielleicht nicht mehr ausbaufähig ist. Manchmal darf ich fröhlich sein, mir Gefühle erlauben, meine eigenen Regeln brechen, inzwischen ist das okay. Aber ich würde lügen, wenn ich sage, es ginge nicht immer noch zu oft nur darum, zu überleben. Ich sollte mitten im Leben stehen, stattdessen stehe ich vor meinem Spiegelbild und sehe mir selbst dabei zu, wie hinreißend langsam man verfallen kann. Wenn ich mir vorstelle, dass dieses okay für immer mein gut sein wird, möchte ich weinen.

 

erasing emotions

Ich lasse ein letztes Mal meine Fingerspitzen über meinen Narbenfriedhof tanzen, und versuche mir die Gesichter derer in Erinnerung zu rufen, die bereits behutsam über meine Gedanken strichen. Es ist seltsam, das zu schreiben, aber nichts eignete sich besser, um beim Vögeln Intimität herzustellen, als männliche Hände, die an Spuren von jahrelanger Selbstverletzung an meinem Körper entlang fuhren, und mir zuflüsterten, sie würden mir nicht weh tun.

„Ich könnte das ja nicht“, schreibt meine beste Klinikfreundin mir per SMS und ich muss schlucken. Ich kann die Narben nicht mehr ertragen, und zugleich bin ich wehmütig, weil es sich (mal wieder) so anfühlt, als würde ich ein Stück von mir selbst verlieren.

Bevor ich verstand, dass Blut mich nicht beruhigte und ritzen nie eine befriedigende Form der Selbstverletzung für mich gewesen ist, hatte ich mich siebenundachtzig Mal feinsäuberlich von oben bis unten in den linken Arm geschnitten. Zu oberflächlich, um meine damaligen Therapeuten zu beunruhigen, aber zu tief, um zu regenerieren, ohne Spuren zu hinter lassen.

Ich will zehn Jahre Elend wegradieren, ich will keine fremden Blicke bei sommerlichen Temperaturen auf meiner linken Körperhälfte ruhen wissen, ich will endlich eins von diesen Mädchen sein, die in der Menge untergehen.

In den letzten Jahren habe ich meine Narben wie Trophäen mit mir herum getragen, für jeden Kampf ein Schnitt, chronologisch absteigend geordnet. Sie gehörten zu mir, ich versuchte, sie mit Stolz zu tragen und nicht mit Scham, weil es eine Zeit in meinem Leben gab, in der es passend schien, sich ins eigene Fleisch zu schneiden.

Die Ärztin erklärt mir das Procedere und warnt mich, dass es weh tun könnte. Wie paradox, dass ich für die Annullierung meiner Selbstverletzung weitere Schmerzen (und horrende Kosten) in Kauf nehmen muss. Ich lasse die physischen Narben ausradieren, und wünschte, ich könnte die darunter liegenden Emotionen einfach mit entfernen lassen.

Vielleicht werde ich in ein paar Monaten einen Arm haben, den man nicht mehr anstarrt. Vielleicht werde ich vergessen haben, dass ich mich selbst mal so sehr hassen konnte.