swipe right

Nach einem wundervollen und scheinbar nie enden wollenden Sommer, in dem ich feststellte, dass ich ein bisschen Zweisamkeit durchaus ohne die Absicht der Selbstschädigung aushalte und die Vorzüge davon kennen lernte, mit psychisch stabilen Typen auszugehen, überlegte er sich, dass er doch lieber die nächsten Monate in Südafrika verbringen möchte und eine Beziehung mit jemandem, dessen Nervenzusammenbrüche irgendwann nicht mehr nur niedlich sind, vielleicht anstrengend werden könnte. Weg war er und ich wusste wieder, warum ich keine Gefühle haben will. Mein Problem ist, dass ich wahnsinnig interessant und überzeugend bin, wenn man mich kennen lernt, aber ab einem gewissen Zeitpunkt fällt die Begeisterungskurve was meine Person angeht rasant ab, weshalb es nie jemand länger als ein paar Monate mit mir aushält.

Ich reinstallierte Tinder auf meinem Handy und klickte mich durch eine Menge seltsamer Fotos und seltsamer Profilbeschreibungen. Meine eigenen Fotos sind auch seltsam – obwohl Selfies mittlerweile seit zehn Jahren existieren, habe ich immer noch nicht herausgefunden, wie man welche macht, auf denen man hübsch aussieht. Eine Profilbeschreibung hab ich auch nicht, weil ich die perfekte noch nie gefunden habe, aber ich kann mich nicht über mangelnde Matches beschweren, also schätze ich, das ist in Ordnung.
Dann fand ich einen, der schrieb, er sei Psychiater, aber selbst auch ein bisschen verrückt. Ich meinte, ich würde Psychologie studieren, von daher würde mich das nicht schocken und abgesehen davon würde ich mich definitiv nicht als normal bezeichnen. Nach dem ersten Treffen muss ich sagen, dass ich ihn an sich nicht so interessant finde, aber dank seines Berufes habe ich meinen Liebeskummer ganz schnell vergessen und ein neues Game gefunden, mit dem ich mich in den nächsten Wochen beschäftigen kann. Wie lange kann ich Mr. Psychiater treffen, bis er merkt, dass mit mir was gehörig nicht stimmt? Und noch interessanter: Wird er merken, was genau mit mir nicht stimmt?

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Sich immer wieder damit abfinden müssen, dass auf Quantensprünge gezwungenermaßen Babyschritte folgen. Ich habe festgestellt, dass es sich mit einer flexiblen Definition von ‚okay‘ durchaus über den Tag kommen lässt, nichtsdestotrotz ist kaum Platz für Spontanität, für echte Zwischenmenschlichkeit. Ich ertappe mich dabei, mich zu wundern, ob ich gar nicht gesünder geworden bin, sondern meine Störung lediglich gesellschaftsfähiger. Ist es schlimmer, wenn krankes Verhalten nicht mehr auffällt, sondern omnipräsent, ja geradezu allgegenwärtig ist?

Ich hatte immer so Angst davor, geheilt zu werden, und meine Kompensationsmechanismen zu verlieren, aber inzwischen jagt es mir viel mehr Angst ein, dass der momentane Ist-Zustand vielleicht nicht mehr ausbaufähig ist. Manchmal darf ich fröhlich sein, mir Gefühle erlauben, meine eigenen Regeln brechen, inzwischen ist das okay. Aber ich würde lügen, wenn ich sage, es ginge nicht immer noch zu oft nur darum, zu überleben. Ich sollte mitten im Leben stehen, stattdessen stehe ich vor meinem Spiegelbild und sehe mir selbst dabei zu, wie hinreißend langsam man verfallen kann. Wenn ich mir vorstelle, dass dieses okay für immer mein gut sein wird, möchte ich weinen.

 

erasing emotions

Ich lasse ein letztes Mal meine Fingerspitzen über meinen Narbenfriedhof tanzen, und versuche mir die Gesichter derer in Erinnerung zu rufen, die bereits behutsam über meine Gedanken strichen. Es ist seltsam, das zu schreiben, aber nichts eignete sich besser, um beim Vögeln Intimität herzustellen, als männliche Hände, die an Spuren von jahrelanger Selbstverletzung an meinem Körper entlang fuhren, und mir zuflüsterten, sie würden mir nicht weh tun.

„Ich könnte das ja nicht“, schreibt meine beste Klinikfreundin mir per SMS und ich muss schlucken. Ich kann die Narben nicht mehr ertragen, und zugleich bin ich wehmütig, weil es sich (mal wieder) so anfühlt, als würde ich ein Stück von mir selbst verlieren.

Bevor ich verstand, dass Blut mich nicht beruhigte und ritzen nie eine befriedigende Form der Selbstverletzung für mich gewesen ist, hatte ich mich siebenundachtzig Mal feinsäuberlich von oben bis unten in den linken Arm geschnitten. Zu oberflächlich, um meine damaligen Therapeuten zu beunruhigen, aber zu tief, um zu regenerieren, ohne Spuren zu hinter lassen.

Ich will zehn Jahre Elend wegradieren, ich will keine fremden Blicke bei sommerlichen Temperaturen auf meiner linken Körperhälfte ruhen wissen, ich will endlich eins von diesen Mädchen sein, die in der Menge untergehen.

In den letzten Jahren habe ich meine Narben wie Trophäen mit mir herum getragen, für jeden Kampf ein Schnitt, chronologisch absteigend geordnet. Sie gehörten zu mir, ich versuchte, sie mit Stolz zu tragen und nicht mit Scham, weil es eine Zeit in meinem Leben gab, in der es passend schien, sich ins eigene Fleisch zu schneiden.

Die Ärztin erklärt mir das Procedere und warnt mich, dass es weh tun könnte. Wie paradox, dass ich für die Annullierung meiner Selbstverletzung weitere Schmerzen (und horrende Kosten) in Kauf nehmen muss. Ich lasse die physischen Narben ausradieren, und wünschte, ich könnte die darunter liegenden Emotionen einfach mit entfernen lassen.

Vielleicht werde ich in ein paar Monaten einen Arm haben, den man nicht mehr anstarrt. Vielleicht werde ich vergessen haben, dass ich mich selbst mal so sehr hassen konnte.

if you get to hear me now

Ich habe den Sommer damit verbracht, dich beim aufwachen anzugrinsen und mich in gemeinsamer Zukunftsplanung zu verlieren, obgleich mir bewusst war, dass es keine Zukunft gibt. Ich habe verzweifelt nach Fehlern gesucht, nach irgendeinem K.o. Kriterium, was mir erlaubt, dich von mir wegzustoßen, weil jeder Moment mit dir einfach zu schön war, um wahr zu sein. Und als ich das realisierte, warst du auf dem Weg ans andere Ende der Welt. Ich weiß nicht, wie viele Texte ich angefangen habe, um all diese Emotionen einzufangen, aber keine Worte werden dem gerecht, was du in mir auslöst. Du hast mich gefragt, was mir an dir gefällt und mir dann diesen atemberaubenden Blick zugeworfen. Ich habe dir gesagt, ich mag dich nur wegen deiner schlechten Witze, weil ich mich nicht traute zu sagen, dass du mich gesünder machst, indem du mich dazu bringst, meine Grenzen auszutesten, ohne dabei jemals grenzüberschreitend zu sein.

Déjà-vu

Wir sitzen in der wöchentlichen Teambesprechung, die ich meist zum Tagträumen nutze und  unterhalten uns darüber, dass in den letzten Wochen eine auffallend große Anzahl an Drogen Schnelltests positiv gewesen ist, obwohl die meisten Patienten nicht älter als zehn Jahre sind. Die Therapeuten beginnen darüber zu spekulieren, welches der kleinen Monster die anderen mit Rauschgift versorgt. Schließlich wirft jemand ein, dass die Schnelltests lediglich falsch messen könnten und schnell ist beschlossen, dass ein paar von uns auch einen Schnelltest machen. Ich rede mir ein, nichts zu verbergen zu haben, aber würde diese Situation trotzdem gerne umgehen. Freiwillige finden sich jedoch nicht, weshalb wir losen. Wie sollte es sein, ich komme unverhofft in den Genuss eines kostenlosen Drogenscreenings. Ich habe seit Monaten nicht konsumiert, aber gedanklich damit beschäftigt habe ich mich sehr wohl und schon das jagt mir Angst ein. 
Während die anderen eine Pausenzigarette rauchen, schließe ich mich auf der Toilette ein und pinkele in einen Becher. Been there, did it before. Kein Grund zur Aufregung. 
Die Oberärztin hält einen Schnelltest in den Becher und fängt auf einmal schallend an zu lachen, als sie ihn wieder heraus zieht. Natürlich ist er rosa gefärbt und ich überlege fieberhaft, wie ich mich dieser Situation am elegantesten entziehen kann. „Was heisst das?“, frage ich und versuche, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken. „Ich hab dich gerade positiv auf Benzos getestet“, meint sie und grinst weiterhin. Ich bin mir nicht sicher, ob das hier ein guter Zeitpunkt wäre, um zu erwähnen, dass ich manchmal Tavor zum Abendbrot esse und der Abend zuvor war so einer. Ich entscheide mich dagegen und versuche lieber, verwirrt auszusehen. Wir gehen zurück in den Besprechungsraum und die Oberärztin verkündet lauthals, dass die Schnelltests weggeschmissen würden, da „die sogar unsere Praktikantin als Drogenkonsumentin identifiziert hätten“. Alle fangen an zu lachen. 
Die Diskrepanz zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich gerne wäre, war vielleicht noch nie so offensichtlich wie bei diesem Praktikum. 
Am letzten Tag ihres Aufenthaltes bekommen die Kinder immer eine Abschiedsrunde, in der jeder möglichst nette Dinge sagt und außerdem gibt es beim Mittagessen ihr Lieblingsgericht. Ich bin mir nicht sicher, ob es üblich ist, dass Personal auch in den Genuss dieser Abschiede kommt, oder ob ich implizite Signale gesendet habe, dass ich einen Ego Booster von kleinen Monstern brauche, jedenfalls finde ich mich auf einmal auf einem Kinderthron wieder und alle starren mich erwartungsvoll an. Schnell improvisiere ich eine Danksagung an meine Kollegen und motivierende Worte für die Kinder. Danach beginnen sie, mir tschüss zu sagen. 
Niemand könne so gut Ligretto und so schlecht Schach spielen wie ich, ich sei lustig, sie würden mich vermissen und später zu mir kommen, wenn ich dann Psychologin bin. Der kleine Niels kneift aufgrund seiner Ticstörung erst zwanzig Mal seine Augen zusammen: „Frau …, du bist später bestimmt die schönste Therapeutin der Welt. Wenn ich ein Haus gebaut hab, kannst du da mit mir wohnen“. 
Als nächstes ist die Magersüchtige dran, und ich bin mir sicher, dass sie nach unseren morgendlichen Fresubin-Kämpfen keine netten Worte für mich übrig hat. Doch auch hier werde ich überrascht, sie sagt, wenn sie erwachsen ist, will sie so sein, wie ich. Ich bin nicht sicher, ob das wirklich ein Kompliment ist, aber ich lasse dies lieber unkommentiert, und tue so, als wäre ich wahnsinnig gerührt. 
Es ist nicht das einzige Mal, dass ich eine Psychiatrie mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlasse. {Vielleicht wird es nicht das letzte Mal sein}. Aber es ist das erste Mal, dass ich mir nicht vorwerfen muss, nicht das beste daraus gemacht zu haben.
Missbrauch, Vergewaltigung und Fehlgeburt sind keine Worte mehr, die ich erbreche, weil ich das Gefühl habe, sie seien nur für mich erfunden worden. Die letzten Wochen habe ich mich immer wieder auf einem Therapeutenstuhl gesehen, hin und her gerissen zwischen hochstrittigen Eltern, und vielleicht kann ich jetzt verstehen, dass meine Symptome angemessene Reaktionen auf unaushaltbare Situationen gewesen sind.
Ich habe mich jahrelang gemütlich in meinem Elend eingerichtet, und mich insgeheim abgrundtief dafür gehasst. 
Ich heile, zwar langsam, aber doch stetig, und irgendwie fühlt sich das richtig an.

hello from the other side #2

Ich verbringe meine Ferien in der Psychiatrie. Ich gehe zu sozialen Kompetenztrainings, nehme an Kochgruppen, Bewegungsangeboten und Visiten teil, und alles ist wie immer, obwohl alles ein bisschen anders ist.
Ich habe einen Schlüssel für die Eingangstür und einen für den Aktenschrank, ich werde von den Mitarbeitern geduzt und ich muss bei der Entspannungsgruppe aufpassen, dass ich nicht in Lachtränen ausbreche, wenn Hase Kuschel den Kindern vormacht, wie sie Yoga machen sollen. Morgens fragt mich niemand mehr, wie ich geschlafen habe, und montags fragt mich niemand mehr, ob ich mein Wochenende überlebt habe, und ich frage mich nicht mehr, ob mich das überhaupt noch jemand fragen muss. 
Der beste Psychologe der Welt fährt jeden Morgen zusammen mit mir Bahn und ich muss mich daran gewöhnen, dass Therapeuten nicht nur über Probleme reden wollen, sondern morgens auf dem Hinweg über den Wohnungsmarkt (prekär) oder das Gehalt (unfair) und auf dem Rückweg erklärt er mir, dass ich unbedingt aktiv Psychohygiene betreiben muss, damit ich all die Kinder nicht emotional an mich heranlasse. Er schlägt Pilates vor ; oder klettern.
Meine Psychohygiene ist der Hammer, in meinem Hirn ist nämlich zu 98% Platz für meine eigenen Dramen und dann bleiben nur noch mickrige 2% für all die anderen Menschen und all die anderen Probleme auf der ganzen Welt und somit verschwinden die Kinder aus meinen Gedanken, sobald die Türen sich hinter mir schließen. Meine eigene Therapeutin wäre stolz auf mich, sie predigt mir immer, dass man die Arbeit bei der Arbeit lassen muss und das klingt bei ihr so überzeugend, dass sie von meiner Existenz vermutlich ebenfalls nichts mehr weiß, wenn sie die Klinik verlässt.
Um mich herum wuseln ein dutzend Patienten mit allem, was der ICD-10 an Kategorisierungen zu bieten hat, während ich damit beschäftigt bin, autoritär zu wirken (und nach wie vor kläglich scheitere).
Die Köchin stupst mich an, und fragt mich, ob sie für mein Mittagessen auf irgendwas achten muss, und ich strahle zurück und sage ihr, was Essen angeht, sei ich völlig unkompliziert, woraufhin sie mich höchsterfreut angrinst und ich nicht umhin komme, mich ein wenig für diese 14kg schwere Lüge zu schämen.
Ich möchte wirklich wie eine emotional stabile fröhliche Erwachsene wirken, aber aus der Metaperspektive kann ich mir bildlich vorstellen, wie ich gerade mit meinen Fledermausärmeln und einem scheuen Blick in meinem Essen herumstochere, während ich meine Gliedmaßen an meinen Oberkörper presse und versuche, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken. 
Der siebenjährige Niels tippt mir auf die Schulter. „Frau {…}, man muss seinen Teller ganz aufessen sonst bekommt man keinen Nachtisch“, schreit er, „haben Ihnen Ihre Eltern das nicht beigebracht?“.
Nein, das haben mir meine Eltern leider nicht beigebracht. Glücklicherweise bin ja hier, um mich zu bilden. Ich hatte eher an den Umgang mit Autisten gedacht oder an Intelligenzdiagnostik, aber ich bin ja noch nicht lange hier. Fangen wir doch zur Abwechslung mal mit etwas basalen an. 

Ich sammle schöne Worte in Word Dokumenten, weil ich zu selten raus gehe, um Momente in Marmeladengläser zu packen. Und ich weiß, dass schreiben immer meine Therapie gewesen ist, mein Rettungsanker, mein Sprachrohr für unausgesprochene Worte und unangenehme Gedanken.