hello from the other side #2

Ich verbringe meine Ferien in der Psychiatrie. Ich gehe zu sozialen Kompetenztrainings, nehme an Kochgruppen, Bewegungsangeboten und Visiten teil, und alles ist wie immer, obwohl alles ein bisschen anders ist.
Ich habe einen Schlüssel für die Eingangstür und einen für den Aktenschrank, ich werde von den Mitarbeitern geduzt und ich muss bei der Entspannungsgruppe aufpassen, dass ich nicht in Lachtränen ausbreche, wenn Hase Kuschel den Kindern vormacht, wie sie Yoga machen sollen. Morgens fragt mich niemand mehr, wie ich geschlafen habe, und montags fragt mich niemand mehr, ob ich mein Wochenende überlebt habe, und ich frage mich nicht mehr, ob mich das überhaupt noch jemand fragen muss. 
Der beste Psychologe der Welt fährt jeden Morgen zusammen mit mir Bahn und ich muss mich daran gewöhnen, dass Therapeuten nicht nur über Probleme reden wollen, sondern morgens auf dem Hinweg über den Wohnungsmarkt (prekär) oder das Gehalt (unfair) und auf dem Rückweg erklärt er mir, dass ich unbedingt aktiv Psychohygiene betreiben muss, damit ich all die Kinder nicht emotional an mich heranlasse. Er schlägt Pilates vor ; oder klettern.
Meine Psychohygiene ist der Hammer, in meinem Hirn ist nämlich zu 98% Platz für meine eigenen Dramen und dann bleiben nur noch mickrige 2% für all die anderen Menschen und all die anderen Probleme auf der ganzen Welt und somit verschwinden die Kinder aus meinen Gedanken, sobald die Türen sich hinter mir schließen. Meine eigene Therapeutin wäre stolz auf mich, sie predigt mir immer, dass man die Arbeit bei der Arbeit lassen muss und das klingt bei ihr so überzeugend, dass sie von meiner Existenz vermutlich ebenfalls nichts mehr weiß, wenn sie die Klinik verlässt.
Um mich herum wuseln ein dutzend Patienten mit allem, was der ICD-10 an Kategorisierungen zu bieten hat, während ich damit beschäftigt bin, autoritär zu wirken (und nach wie vor kläglich scheitere).
Die Köchin stupst mich an, und fragt mich, ob sie für mein Mittagessen auf irgendwas achten muss, und ich strahle zurück und sage ihr, was Essen angeht, sei ich völlig unkompliziert, woraufhin sie mich höchsterfreut angrinst und ich nicht umhin komme, mich ein wenig für diese 14kg schwere Lüge zu schämen.
Ich möchte wirklich wie eine emotional stabile fröhliche Erwachsene wirken, aber aus der Metaperspektive kann ich mir bildlich vorstellen, wie ich gerade mit meinen Fledermausärmeln und einem scheuen Blick in meinem Essen herumstochere, während ich meine Gliedmaßen an meinen Oberkörper presse und versuche, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken. 
Der siebenjährige Niels tippt mir auf die Schulter. „Frau {…}, man muss seinen Teller ganz aufessen sonst bekommt man keinen Nachtisch“, schreit er, „haben Ihnen Ihre Eltern das nicht beigebracht?“.
Nein, das haben mir meine Eltern leider nicht beigebracht. Glücklicherweise bin ja hier, um mich zu bilden. Ich hatte eher an den Umgang mit Autisten gedacht oder an Intelligenzdiagnostik, aber ich bin ja noch nicht lange hier. Fangen wir doch zur Abwechslung mal mit etwas basalen an. 
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Ich sammle schöne Worte in Word Dokumenten, weil ich zu selten raus gehe, um Momente in Marmeladengläser zu packen. Und ich weiß, dass schreiben immer meine Therapie gewesen ist, mein Rettungsanker, mein Sprachrohr für unausgesprochene Worte und unangenehme Gedanken.

momente II

Es wird schon langsam wieder hell, als Mr. Wunderbar und ich noch immer auf seinem ranzigen Ikea Schlafsofa in seiner völlig überteuerten Studentenbude im Szeneviertel meiner Stadt liegen, und die Mondscheinsonate von Beethoven in Dauerschleife hören. „Mir ist kalt“, nuschel ich und er zaubert aus irgendeiner Ecke des Zimmers eine Decke hervor, die er mir mehr oder weniger geschickt um meine Beine drapiert. Dann legt er sich wieder neben mich und ich kuschele mich ein bisschen mit dem Kopf an seine Brust. Das ist schön.

Nach einer Weile fängt er an, meinen Oberarm entlang zu streicheln und irgendwann fällt mir auf, dass er an meinem Gedankenfriedhof entlang streicht. So nenne ich die Narben auf meinem linken Arm, die sich innerhalb der letzten Jahre angesammelt haben. Ich bin schon zu müde, um richtig ärgerlich zu werden, aber ein wenig trotzig klingt es dennoch, als ich ihm sage, dass er doch sieht, dass meine Narben weiß sind und somit schon längst verheilt.

Mr. Wunderbar hört trotzdem nicht damit auf, und ich beschließe, nicht weiter zu protestieren. „Weißt du“, sagt er und dann überlegt er wohl kurz, was ich wissen soll.

„Ich finde dich eigentlich gar nicht so verrückt“.

Und ich stelle fest, dass ich mich auch gar nicht so verrückt finde momentan. Ich finde mich nicht normal, weil ich Kerle nicht mehr mögen kann, nachdem ich Sex mit ihnen hatte und ich finde mich faul, weil ich nicht so viel für die Uni lerne, wie ich will, aber verrückt, nein das bin ich tatsächlich nicht. Und irgendwie gefällt mir das ziemlich gut.

vielleicht ist es besser, wenn es vorbei ist

aber es fühlt sich nicht so an.

Mir war nie bewusst, wie schlecht ich darin bin, Dinge hinter mir zu lassen. Es scheint einfach nicht in mein Hirn zu passen, dass manches war und nie mehr sein wird. Und vielleicht mache ich es mir selbst schwerer, als es eigentlich ist, wenn ich denke, dass ich mich zuerst selbst bekämpfen und zerstören muss, damit ich mich dann wieder kitten kann. Es macht keinen Sinn, es multipliziert meinen Schmerz lediglich. Vielleicht ist es menschlich, dass von einen auf den anderen Tag alles einstürzt, vielleicht ist es erträglich, Emotionen zu haben, vielleicht ist es normal, Verluste zu betrauern.

Vor zehn Jahren nahm ich zum ersten Mal im Büro einer Psychologin Platz, die verzweifelt versuchte, meine Abgründe zu erkundigen, die mir als damals 12-jährige selbst noch nicht klar waren. Je mehr Therapie ich machte, desto besser lernte ich meine eigene Gedankenwelt kennen, desto mehr wusste ich, wie ich mir selbst schaden kann. Ich lernte, meinen Zerfall in Form von Esstagebüchern und Spannungskurven zu dokumentieren, und manchmal habe ich das Bedürfnis diese hervorzukramen, um mich daran zu ergötzen, dass ich seit so langer Zeit so gut darin bin, mir Nahrung vorzuenthalten.

Ich habe mich schon so oft selbst aufgegeben, vielleicht tue ich das jedes Mal, wenn ich mir eine Mahlzeit vorenthalte. Ich rede mir ein, ich würde sehr fleißig daran arbeiten, dieses Essproblem endlich hinter mir zu lassen, während ich zur gleichen Zeit sicherstelle, nicht zuzunehmen und so lange durch die Stadt renne, bis mein Kopf völlig leergepustet ist und sich keine Gedanken mehr darin befinden. Ich klammere mich an die Essstörung, wie an einen Rettungsanker, weil ich der Meinung bin, ich könne nichts anderes auf der Welt so gut, wie hungrig sein. Ich starre Dr. Nirvana fassungslos an, wenn sie mir vorwirft, ich sei zu feige, um glücklich zu sein und und glaube einige Monate später, ich sei gar nicht mehr essgestört, weil meine neue Psychiaterin all diese Dinge lieber umkommentiert lässt, weil sie glaubt, so würde sich das Problem von alleine lösen.

Es gibt Tage, an denen mich all das ein bisschen erfüllt und es gibt Tage, an denen ich den kumulierten Hunger der vergangenen zehn Jahre spüren kann, und an denen ich Angst habe, dass ich all das nie in den Griff bekomme. An denen es mich ein ganz kleines bisschen berührt, wenn meine kleine Schwester sich an meine Schulter kuschelt und mir beim weinen zusieht, und mir sagt, dass das aufhören muss.

Ich ertrage es nicht mehr, mich selbst so zu behandeln, ich ertrage die Isolation nicht mehr, und ich weiß nicht, wie ich es ertragen soll, irgendwann ein annehmbares Gewicht zu haben.

nobody

Psychologisch gesehen ist es völlig normal, dass unser Selbst über soziale Kontexte hinweg variiert – wir sind nicht der selbe Mensch, wenn wir arbeiten, unsere Freunde sehen oder jemanden daten. Unser Verhalten ändert sich, aber ein Grundbaustein von uns bleibt immer vorhanden. Ich frage mich jedoch, ob es möglich ist, dass man sich so sehr zerteilt und auseinanderreißt, dass am Ende keine Substanz mehr bleibt?

nach und nach akzeptieren, dass es nach Jahren der Selbstzerstörung und Selbstbestrafung Zeit für etwas neues sein darf. Dass es nicht endlos so weitergehen muss, dass ich mich schon lange für das gesund sein entschieden habe; dass es eben nur nicht von heute auf morgen geht. Dass man manchmal drei Schritte nach vorne macht, und dann wieder fünf zurück, weil sich das alles so ungewohnt anfühlt. Dass manche Dinge irgendwann Sinn ergeben, und man anderen eine Bedeutung zuschreiben muss, damit sie ein bisschen weniger weh tun.