Aufprall in der Realität, und bitterböse daran erinnert werden, dass man sein Gedankenwirrwarr zwar in den Urlaub schicken kann, wenn man selbst unterwegs ist, aber sobald man zuhause ist, wird es auch wieder dorthin zurück gekehrt sein. Und ich sehe mir immer wieder bewegte Bilder und festgehaltene Momente an, um ja nicht die letzten Wochen zu vergessen. Um ja nicht zu vergessen, wie glücklich ich war.

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März 2018, irgendwo im Indischen Ozean. Ich habe vergessen, welches Datum es ist, oder welcher Wochentag, manchmal habe ich das Gefühl, als hätte ich vergessen, wer ich bin. (Als ob ich das jemals gewusst hätte). 

Ich esse, um in türkisblauem Wasser mit Schildkröten schwimmen zu können, oder auf Berge zu steigen, die höher sind, als meine bisherige wöchentliche Kalorienanzahl. Manchmal höre ich mein eigenes Lachen in unseren bescheidenen Behausungen widerhallen. Ein Geräusch, welches mir selbst so fremd ist. Das Land ist voll mit Bäckern auf Rädern, die sich durch die Zauberflötenmelodie ankündigen. Ich liebe diese Töne. Ich sehe orangenpink melierte Sonnenuntergänge. Vielleicht die schönsten, die ich jemals gesehen habe.

Wir sitzen in einem Bus, der mich für ein paar Cent mehrere hundert Kilometer durch das Land fährt, und dafür mehr als einmal nur knapp einem Unfall entgeht. Meine Haare wehen im Wind, wehen mir ständig ins Gesicht. Habe einen Kopfhörer im linken Ohr, der andere ist in seinem rechten.

„Warum grinst du so?“, fragt er. Streicht so kurz über meine Hand, dass ich nicht weiß, ob es überhaupt passiert ist. „Nichts. Ich bin einfach nur so glücklich“, entgegne ich.

Vielleicht weiß ich jetzt, wie es sich anfühlt, im Moment zu leben. Vielleicht hat mich dieser Urlaub gerettet …wieder ein Stückchen vor mir selbst gerettet.

 

peace of my mind

done and dusted

Alle Prüfungsleistungen eingereicht, das fünfte Semester überstanden, wenngleich auch mehr schlecht als recht. In einem Studiengang, in dem eine 2,0 sich so anfühlt, wie eine fünf kann man vielleicht auch nur an seinen eigenen Erwartungen scheitern. Aber das ist okay, ich tue ohnehin jeden Tag nichts anderes. Und dann bin ich in den letzten Wochen immer wieder an den Punkt gelangt, an dem meine mageren Beinchen mich zwar von a nach b getragen haben, aber ich wusste, dass sich was ändern muss, weil sie bald einknicken werden. Und dann hab ich wieder angefangen, Magersuchtskliniken in der Umgebung zu googeln.

Um dann stattdessen einen Flug nach Asien zu buchen und ein paar Wochen mit einem Kerl zu backpacken, den ich auf Tinder nach rechts geswipt habe, aber noch nie im echten Leben gesehen habe. Meine Therapeutin war ganz und gar nicht begeistert. Ich schon. Jetzt sitze ich am Flughafen, bin nicht mehr ganz so begeistert und frage mich, was zur Hölle mit mir eigentlich nicht stimmt.

Zwei Mal im Jahr währt sich die Zeit, in der ich meine Magenschleimhaut von Koffein zerfressen lasse und in meinen Selbstzweifeln ertrinke. Hunderte von Seiten auswendig lerne über das menschliche Dasein, dass mir trotz dieses Studiums so fremd vorkommt. In der ich immer wieder feststelle, dass ich niemals niemals niemals gut genug sein werde. Niemals gut genug, um mir selbst zu gefallen.

in case of perception we are alone in our minds

Es gibt sie noch, diese Tage, an denen alles auseinander fällt, an denen mein Herz so schwer ist, dass es mir den Verstand raubt. Ich denke zu viel, zu wenig, zu falsch.

Ich suche nach mir in der Wahrnehmung anderer, doch alles, was auf ihrer Netzhaut zu sehen ist, ist nichts als eine leere Reflexion meines äußeren. Rational gesehen, weiß ich, dass meine Hülle im wesentlichen dem entspricht, was die Menschheit als „schön“ definiert, ja vielleicht sogar schön mit einem vorangestellten Adverb.

Ich suche mich in Schaufenstern und Spiegelbildern, sehe spitze Schultern, weiche Knie und ein eingeübtes Lächeln. Diesen ansehnlichen Kokon, der meine Gedanken umgibt. Von außen schön, von innen so abstoßend und abscheulich.

hunger games

Nach 22 Minuten bei einer Geschwindigkeit von 9km/h und (angeblich!) zweihunderteinundvierzig verbrannten Kilokalorien wird alles schwarz um mich herum und ich finde meine Extremitäten verheddert in einem Laufband wieder. Ein fremder Mensch klatscht mir immer wieder auf die hohlen Wangen, während ich in meinem Kopf einen zusammenhängenden Satz suche, um ihn davon abzuhalten, mir einen Krankenwagen zu rufen. Es hat mir jahrelang Zufriedenheit verschafft, unter weißen Laken und mit einer Infusion im Arm aufzuwachen, aber mittlerweile macht mir nicht einmal mehr das für einen kurzen Moment positive Gefühle. Magensüchtig zu sein mit fünfzehn ist okay – pubertieren ist hart und Essprobleme in dieser Phase des Lebens sind verständlich. Was aber, wenn man nicht aufhören kann, dünn sein zu wollen? Wenn man mit dreiundzwanzig immer noch einen Kinderkörper hat, einen Kinderkörper haben will? Man sich weigert, vernünftig kochen zu lernen, weil Mahlzeiten aus mehr als drei verschiedenen Lebensmitteln für einen nicht denkbar sind? Immer noch magensüchtig sein mit dreiundzwanzig ist lächerlich. Ich habe einen Großteil dieses Studiums hinter mir und fühle mich immer noch, wie eine Hochstaplerin. Kommilitonen denken über Bachelorarbeitsthemen nach, während ich stationäre Magersuchskliniken in der Umgebung google, um mich dann daran zu erinnern, dass ich ohnehin keine davon jemals besuchen werde. Stattdessen ergötze ich mich an tausenden Selfies auf meinem Handy, in denen ich meinen Zerfall dokumentiere. Zähle Rippenbögen. Streiche verstohlen über Körperhaare, die an Stellen wuchern, wo keine hingehören. Rufe mir geflüsterte Worte von männlichen Wesen in Erinnerung. „Du bist die zarteste Person, die ich jemals kennen gelernt habe“, „ich habe noch nie so ein filigranes Handgelenk gesehen wie deines“ oder mein absoluter Favorit „ich möchte nicht mit dir schlafen, weil ich Angst habe, dich zu zerbrechen“. Und ich ertappe mich dabei, in mich hinein zu grinsen, weil für ein strahlendes Lächeln die Energie fehlt.

Immer öfter liege ich in meinem Bett und höre meinem Herzen beim Rasen zu. Ich merke, wie Panik in mir hochsteigt, von der ich nie weiß, ob es wirklich ein Gefühl ist, oder die physiologische Reaktion meines Körpers auf meinen Zustand. Immer öfter muss ich daran denken, was ich alles verpasse, weil ich mich nicht überwinden kann, zu essen wie ein normaler Mensch. Was ich alles verpasst haben würde, würde mein Herz irgendwann plötzlich aufhören, zu schlagen. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Zustand noch ertragen kann, und mir einreden kann, ich sei auf einem guten Weg.

Ich bin’s nämlich nicht. Ich trete seit über drei Jahren auf der Stelle und warte darauf, dass irgendwas passiert, was mich noch mehr zurückwirft oder unerwarteterweise voranbringt.

2o17

Versuchen, die Vergangenheit hinter mir zu lassen, nur um festzustellen, dass sie mir immer wieder auflauern wird, genau dann, wenn ich nicht mehr damit rechne. Nach vier Semestern Zweifel mich für mein Studienfach entscheiden und mich gleichzeitig immer weniger sehen können im künftigen Beruf. Zu oft in Krankenhausbetten gelegen wegen verschiedenster Dinge und mir jedes Mal geschworen, dass es das letzte Mal sein wird. Viel gereist und nicht ansatzweise so viel gesehen, wie ich es mir vorgenommen habe. Damit konfrontiert werden, dass manche Menschen Gift für mich sind und aushalten, was für ein Loch sie in meinem Leben hinterlassen. Eines, was es im neuen Jahr zu füllen gilt.

Bei der letzten Therapiestunde des Jahres vor meiner Therapeutin sitzen: „Sie hatten ein fürchterliches Jahr und ich wünsch Ihnen so sehr, dass das neue besser wird.“ Es fühlt sich für mich nicht an, wie ein fürchterliches Jahr, obwohl mir gerade nur negative Ereignisse einfallen. Es war ein aufregendes Jahr, voll mit vielen kleinen schönen Momenten. Mit Alltäglichkeiten und Banalitäten, mit Endorphinüberschüssen und Melancholie. 2017 hat Lust auf mehr gemacht.